Eine neue Frontscheibe – und das Fahrzeug ist wieder startklar. So einfach ist es bei modernen Fahrzeugen nicht mehr. Wer eine Kamera hinter der Windschutzscheibe verbaut hat, muss nach jedem Scheibentausch eine Kalibrierung durchführen. Ohne sie arbeiten die Fahrerassistenzsysteme entweder gar nicht oder – was gefährlicher ist – mit falschen Referenzwerten.
Was die Frontkamera leistet
Fahrerassistenzsysteme wie Spurhalteassistent, automatische Notbremsung, Abstandsregelung und Verkehrszeichenerkennung sind auf präzise Kameraerfassung angewiesen. Die Frontkamera, die bei den meisten modernen Fahrzeugen hinter der Windschutzscheibe montiert ist, liefert das Bild, auf dessen Basis das System Entscheidungen trifft:
- Erkennung von Fahrbahnmarkierungen und Fahrstreifengrenzen
- Messung des Abstands zum vorausfahrenden Fahrzeug
- Identifikation von Fußgängern und Hindernissen
- Lesen von Verkehrszeichen
Die Kamera ist auf einen definierten Einbauwinkel kalibriert. Bereits eine Abweichung von wenigen Zehnteln eines Grades verfälscht die Entfernungs- und Winkelmessung in einem Maß, das die Systemfunktion beeinträchtigt.
Warum der Scheibentausch die Kalibrierung erfordert
Die Frontkamera ist nicht am Fahrzeugrahmen befestigt, sondern an der Windschutzscheibe selbst oder an einem Halter, der direkt mit ihr verbunden ist. Wird die Scheibe gewechselt, verändert sich die exakte Ausrichtung der Kamera – auch dann, wenn der Einbau sorgfältig durchgeführt wird. Fertigungstoleranzen zwischen zwei Scheiben, minimale Unterschiede in der Klebenaht und die neue thermische Ausdehnung führen zu einer Lageabweichung der Kamera.
Selbst eine Verschiebung von 0,5 Grad bedeutet bei einem Abstand von 100 Metern eine Abweichung von fast einem Meter in der Spurerkennung. Das ist kein theoretisches Szenario – es ist ein messbares Problem.
Was ohne Kalibrierung passiert
Die Systeme reagieren unterschiedlich auf eine nicht kalibrierte Kamera:
- Sichtbare Warnung: Das Fahrzeug erkennt intern, dass die Kalibrierung fehlt oder ungültig ist, und deaktiviert die betroffenen Systeme mit einer Warnmeldung im Kombiinstrument. Das ist die günstigste Variante.
- Stille Fehlfunktion: Manche Systeme arbeiten weiter, aber mit falschen Referenzwerten. Der Spurhalteassistent greift zu früh oder zu spät ein. Die Notbremsung löst bei einem anderen Abstand aus als vorgesehen. Für den Fahrer ist das nicht unmittelbar erkennbar – das System verhält sich, bis ein kritischer Moment eintritt.
Was eine Kalibrierung beinhaltet
Die Kalibrierung erfolgt stationär in der Werkstatt. Das Fahrzeug wird auf ebenem Untergrund positioniert, ein herstellerspezifisches Kalibriertafel-Set in einem definierten Abstand und Winkel vor dem Fahrzeug platziert. Die Werkstattsoftware steuert den Kalibriervorgang und schreibt die neuen Parameter in das Steuergerät.
Entscheidend: Diese Kalibrierung erfordert die Original-Diagnosesoftware des Herstellers. Universelle Werkzeuge unterstützen in vielen Fällen nicht den vollständigen Kalibriervorgang oder die korrekte Parameterübergabe an das Steuergerät.
Betroffene Systeme nach Hersteller
- VW-Gruppe (VW, Audi, Skoda, Seat): Front Assist, Lane Assist, Travel Assist – Kalibrierung über ODIS
- Mercedes-Benz: DISTRONIC PLUS, PRE-SAFE Brake, Active Lane Keeping Assist – Kalibrierung über XENTRY
- BMW / Mini: Active Guard, Lane Departure Warning, Frontkollisionswarnung – Kalibrierung über ISTA
Zeitaufwand und Kosten
Eine stationäre Kalibrierung dauert in der Regel 30 bis 60 Minuten. Der Aufwand hängt vom Fahrzeug und der Zugänglichkeit der Kalibrierparameter ab. Eine Scheibe zu wechseln ohne anschließende Kalibrierung zu budgetieren ist eine Fehlplanung – denn ohne funktionsfähige Assistenzsysteme ist das Fahrzeug für den Straßenverkehr eingeschränkt.
KFZ Dietrich in Hardegsen kalibriert ADAS-Systeme mit herstellerspezifischer Software – XENTRY für Mercedes, ODIS für die VW-Gruppe, ISTA für BMW und Mini. Wir stellen sicher, dass Ihre Assistenzsysteme nach einem Scheibentausch wieder zuverlässig arbeiten.