Die Servolenkung gehört zu den Systemen, die Sie erst bemerken, wenn sie nicht mehr funktioniert. Plötzlich brauchen Sie deutlich mehr Kraft, um das Lenkrad zu drehen – besonders im Stand und beim Rangieren. Manchmal kommen Geräusche dazu. In jedem Fall ist das ein Werkstatt-Thema, denn die Lenkung ist sicherheitsrelevant.
Zwei Systeme, zwei Fehlerbilder
Moderne Fahrzeuge verwenden eines von zwei Systemen:
Hydraulische Servolenkung (HPS)
Funktionsprinzip: Eine Hydraulikpumpe (angetrieben vom Motor über Keilriemen) erzeugt Öldruck. Dieser Druck wird über ein Steuerventil auf die entsprechende Seite des Lenkgetriebes geleitet und unterstützt die Lenkbewegung.
Vorteile: Direkte Lenkrückmeldung, robust, bewährt Nachteile: Ständiger Energieverbrauch (Pumpe läuft immer mit), Leistungsverlust des Motors, keine elektronische Ansteuerung möglich
Verbreitung: Ältere Fahrzeuge (bis ca. 2010), einige Nutzfahrzeuge und Sportwagen
Elektrische Servolenkung (EPS / EPAS)
Funktionsprinzip: Ein Elektromotor an der Lenksäule (Column-EPS) oder direkt am Lenkgetriebe (Rack-EPS) unterstützt die Lenkbewegung. Ein Lenkmomentsensor misst die vom Fahrer aufgebrachte Kraft, und das Steuergerät regelt die Unterstützung geschwindigkeitsabhängig.
Vorteile: Energieeffizient (arbeitet nur bei Bedarf), geschwindigkeitsabhängige Lenkunterstützung, ermöglicht Spurhalteassistent, Parkassistent und andere ADAS-Funktionen Nachteile: Weniger direktes Lenkgefühl bei günstigen Systemen, komplexere Elektronik
Verbreitung: Standard bei allen aktuellen Fahrzeugen (seit ca. 2008–2012 je nach Hersteller)
Symptome und Ursachen: Hydraulische Servolenkung
Symptom: Lenkung schwer im Stand und bei niedriger Geschwindigkeit
Mögliche Ursachen:
- Servoöl-Füllstand niedrig: Überprüfen Sie den Ausgleichsbehälter (meist am Motorblock, transparenter Behälter mit Markierung). Wenn der Stand niedrig ist, gibt es ein Leck.
- Servopumpe verschlissen: Die Flügelzellenpumpe verliert mit der Zeit an Fördermenge
- Keilriemen gerissen oder rutschend: Die Pumpe wird nicht angetrieben
Symptom: Quietschendes oder jaulendes Geräusch beim Lenken
Mögliche Ursachen:
- Luft im System: Nach einem Leck oder nach Reparaturarbeiten – Luft in der Hydraulik verursacht das typische Jaulen
- Servoöl-Mangel: Die Pumpe saugt Luft an
- Servopumpe am Verschleißende: Innere Lagerung verschlissen, Pumpe arbeitet laut
Symptom: Lenkung schwer nur in eine Richtung
Mögliche Ursachen:
- Steuerventil im Lenkgetriebe defekt: Das Ventil lenkt den Öldruck nicht korrekt auf die Druckseite
- Einseitiger Verschleiß der Dichtungen im Lenkzylinder
Symptom: Servoöl-Verlust (sichtbar)
Typische Leckstellen:
- Hochdruck-Leitungen: Gummi-Stahl-Verbindungen werden porös
- Servopumpe: Wellendichtring am Antrieb
- Lenkgetriebe: Manschetten an den Spurstangen
- Ausgleichsbehälter: Risse oder poröse Anschlüsse
Wichtig: Servoöl ist nicht gleich Servoöl. Je nach Hersteller werden unterschiedliche Spezifikationen vorgeschrieben (ATF, CHF 11S, Pentosin, etc.). Falsche Flüssigkeit kann Dichtungen angreifen.
Symptome und Ursachen: Elektrische Servolenkung (EPS)
Symptom: Warnleuchte Servolenkung + schwere Lenkung
Mögliche Ursachen:
- Steuergerät hat einen Fehler erkannt und schaltet die Lenkunterstützung als Sicherheitsmaßnahme ab
- Lenkmomentsensor defekt: Sitzt an der Lenksäule und misst, wie viel Kraft der Fahrer aufbringt. Wenn das Signal ausbleibt oder unplausibel ist, schaltet das Steuergerät die Unterstützung ab.
- EPS-Motor defekt: Bürstenmotor verschlissen (bei älteren Systemen) oder Leistungselektronik im Motor defekt
- Spannungsversorgung: Die EPS braucht hohe Ströme (bis zu 80A). Eine schwache Batterie oder korrodierte Kabelverbindungen können zu Spannungseinbrüchen führen → System schaltet ab
Symptom: Lenkung ruckelt oder vibriert
Mögliche Ursachen:
- EPS-Motor-Lager verschlissen: Mechanisches Spiel im Motorantrieb
- Lenksäulen-Zwischenwelle ausgeschlagen: Universalgelenk (Kardangelenk) der Lenksäule hat Spiel
- Software-Problem: Veraltete Steuergeräte-Software kann zu unruhiger Regelung führen
Symptom: Lenkung „zieht” oder lenkt leicht von alleine
Mögliche Ursachen:
- Lenkmomentsensor dejustiert: Mittenposition stimmt nicht mehr → Steuergerät kompensiert asymmetrisch
- Nach Fahrwerksarbeiten: Wenn Spurstangenköpfe gelöst und nicht korrekt eingestellt wurden, stimmt die Achsgeometrie nicht → Achsvermessung nötig
- EPS-Steuergerät braucht Grundeinstellung: Nach bestimmten Reparaturen (Lenkgetriebe-Tausch, Lenksäulentausch) muss die EPS neu kalibriert werden – das geht nur mit dem Herstellerdiagnosesystem
Symptom: Lenkung „schwer” nur bei Kälte
Mögliche Ursachen:
- Verdicktes Servoöl (bei HPS): Falsches Öl oder überaltertes Öl wird bei Kälte zähflüssig
- EPS-Motor braucht mehr Strom bei Kälte + schwache Batterie: Im Winter kommt beides zusammen – der Motor braucht mehr Kraft (kaltes Getriebefett) und die Batterie liefert weniger Strom
Diagnose der Servolenkung
Hydraulische Servolenkung
- Sichtprüfung: Servoöl-Stand, Zustand der Leitungen, Keilriemen
- Druckprüfung: Mit einem Servoöl-Druckprüfgerät wird der Förderdruck der Pumpe und der Gegendruck im Lenkgetriebe gemessen
- Geräusch-Diagnose: Jaulen beim Lenken = Luft im System oder Pumpe verschlissen
Elektrische Servolenkung (EPS)
Hier ist die Herstellerdiagnose unverzichtbar:
- Fehlerspeicher auslesen: EPS-Steuergerät enthält spezifische Fehlercodes, die OBD2 nicht auslesen kann
- Live-Daten prüfen:
- Lenkmomentsensor-Signal (Soll vs. Ist)
- Motorstrom der EPS (Ampere)
- Bordnetzspannung unter Last
- Lenkwinkel-Sensor-Signal
- Kalibrierung prüfen: Nach Reparaturen muss die EPS-Mittenposition und der Lenkmomentsensor kalibriert werden
- Software-Stand prüfen: Bei einigen Modellen gibt es Softwareupdates, die das Lenkverhalten verbessern
Markenspezifische Diagnose
VW/Audi (ODIS):
- EPS-Kalibrierung nach Lenkungstausch ist ein Pflichtschritt
- Geführte Diagnose für den Lenkmomentsensor
- Grundeinstellung der Lenkwinkelerkennung
BMW (ISTA):
- EPS-Fehlerspeicher separat im Lenkungssteuergerät
- Lenkwinkel-Kalibrierung nach Achsvermessung
- Active Steering (bei 5er, 7er): zusätzliche Übersetzungs-Diagnose
Mercedes (XENTRY):
- Direkt-Lenkung mit geschwindigkeitsabhängiger Übersetzung
- SCN-Codierung nach Lenkgetriebe-Tausch erforderlich
- Lenkwinkel-Sensor-Kalibrierung als geführter Test
Wann wird es gefährlich?
Die Servolenkung ist ein sicherheitsrelevantes System. Diese Situationen erfordern sofortiges Handeln:
- Lenkung blockiert oder klemmt → Sofort anhalten, Fahrzeug nicht weiterbewegen
- Lenkrad dreht sich, aber die Räder reagieren nicht → Mechanischer Defekt (extrem selten, aber kritisch) → Sofort anhalten
- Lenkung wird während der Fahrt plötzlich schwer → Keilriemen gerissen oder EPS-Ausfall → Geschwindigkeit reduzieren, sicher anhalten, Werkstatt aufsuchen
Gut zu wissen: Auch ohne Servolenkung ist das Fahrzeug physisch lenkbar. Die mechanische Verbindung zwischen Lenkrad und Rädern bleibt bestehen. Es braucht nur deutlich mehr Kraft – bei Tempo 50 kaum problematisch, im Stand beim Rangieren aber erheblich.
Häufige Reparaturen
| Defekt | Reparatur | Diagnosesystem nötig? |
|---|---|---|
| Servoöl-Leck (Leitung) | Leitung tauschen, System entlüften | Nein |
| Servopumpe defekt | Pumpe tauschen, System entlüften | Nein |
| Keilriemen gerissen | Riemen tauschen | Nein |
| EPS-Steuergerät Fehler | Fehler auslesen, ggf. SG tauschen + codieren | Ja (XENTRY/ODIS/ISTA) |
| Lenkmomentsensor defekt | Sensor tauschen + Kalibrierung | Ja |
| EPS-Motor defekt | Motor oder Lenkgetriebe tauschen + Codierung | Ja |
| Lenkwinkel dejustiert | Achsvermessung + Sensor-Kalibrierung | Ja |
Die elektrische Servolenkung ist ein gutes Beispiel dafür, warum moderne Fahrzeugreparatur ohne Herstellerdiagnose oft nicht möglich ist. Selbst ein einfacher Spurstangenwechsel kann eine Lenkwinkel-Kalibrierung erfordern, die nur mit dem Herstellersystem durchgeführt werden kann.
Weiterführende Informationen: