XENTRY vs. OBD2-Adapter: Was ein Discounter-Gerät wirklich liest

Ein OBD2-Adapter liest 10–15 % der Steuergeräte eines modernen Mercedes. XENTRY liest alle 90+. Was das für die Diagnose bedeutet – konkret erklärt.

Wenn ein Kunde mit einem Mercedes W212 zu uns kommt und sagt: „Mein OBD-Gerät zeigt keinen Fehler”, ist das in der Regel kein gutes Zeichen. Es bedeutet meistens, dass das Problem in einem Steuergerät sitzt, das der Adapter schlicht nicht erreicht.

Was OBD2 kann – und was nicht

Der OBD2-Standard (On-Board Diagnostics, Generation 2) wurde 1996 in den USA verpflichtend eingeführt, in Europa ab 2001 für Benziner und 2004 für Diesel. Er definiert einen Mindestsatz an Diagnose-Funktionen: Emissionsrelevante Systeme müssen auslesbar sein – Motor, Abgas, Katalysator.

Das war 2001 ausreichend. Ein moderner Mercedes E-Klasse W212 hat jedoch über 60 Steuergeräte: Komfortsystem, Fahrerassistenz, DISTRONIC-Radar, ILS-Scheinwerfer, AIRMATIC-Luftfederung, Lenkungssteuerung, Soundsystem, Dachhimmel, Sitzheizungssteuerung, Türsteuergeräte – keines davon ist OBD2-pflichtig.

Ein günstiger Bluetooth-Adapter verbindet sich über den OBD2-Stecker, fragt das Motor- und Getriebesteuergerät ab – und meldet „kein Fehler”. Das ist technisch korrekt. Es ist nur unvollständig.

Was XENTRY liest

XENTRY (das offizielle Diagnosesystem von Mercedes-Benz) kommuniziert über proprietäre Protokolle direkt mit allen Steuergeräten im Fahrzeug. Bei einem W212 sind das je nach Ausstattung 60 bis 90 Steuergeräte.

Ein typischer Diagnoseumfang mit XENTRY:

  • Motorsteuergerät (ME9.7 / CDI 2.2) – auch via OBD2 auslesbar
  • Getriebesteuergerät (7G-Tronic / 722.9) – teilweise via OBD2
  • ABS / ESP-Steuergerät – teilweise via OBD2
  • SAM-Steuergeräte (Signal Acquisition Module)nur via XENTRY
  • Komfort-Steuergeräte (Klimaautomatik, Sitze, Spiegel) – nur via XENTRY
  • DISTRONIC PLUS (Abstandsregeltempomat) – nur via XENTRY
  • ILS-Kurvenlichtsystemnur via XENTRY
  • AIRMATIC (Luftfederung) – nur via XENTRY
  • Lenkungssteuergerät (EPS / Parametric Steering)nur via XENTRY

XENTRY kann außerdem Stellglied-Tests durchführen: Einzelne Aktoren werden direkt angesteuert, um ihre Funktion zu prüfen. Ein OBD2-Adapter liest Fehlerspeicher – XENTRY steuert das Fahrzeug.

Ein konkretes Beispiel: AIRMATIC sackt ab

Ein W221 S500 kommt rein: Hinten links sackt das Fahrzeug nach dem Abstellen ab. Der Kunde hat vorher einen OBD2-Scan gemacht – keine Fehler.

Mit XENTRY: Im AIRMATIC-Steuergerät findet sich Fehlercode C1014 – linkes hinteres Luftfederventil schließt nicht vollständig. Zusätzlich: Undichtigkeit über Messwert „Druckabfall links hinten” sichtbar.

Ohne XENTRY: Das Fahrzeug würde eventuell auf einen defekten Kompressor untersucht (weil der Verdacht naheliegt), obwohl das Problem ein verschlissenes Ventil ist. Der Unterschied: Kompressor ca. 1.400 €, Ventilblock ca. 180 €.

Warum das für Ihre Reparatur entscheidend ist

Ein Diagnosesystem, das nur einen Teil der Steuergeräte liest, kann:

  1. Falsche Ursachen identifizieren – Symptom sichtbar, Ursache unsichtbar
  2. Unnötige Teile empfehlen – weil die echte Fehlerquelle nicht ausgelesen wird
  3. Nach Reparatur nicht freigeben – weil Anpassungen und SCN-Coding nur mit Herstellersoftware möglich sind

Das dritte Punkt ist besonders wichtig: Nach dem Tausch eines Steuergeräts bei Mercedes muss das neue Gerät via SCN-Coding (Software Calibration Number) auf das Fahrzeug programmiert werden. Ohne XENTRY funktioniert das Steuergerät nicht oder nur eingeschränkt.

Fazit

OBD2-Adapter sind für eine erste Orientierung hilfreich. Für eine vollständige Diagnose, eine korrekte Fehlerursache und eine fachgerechte Instandsetzung sind sie bei modernen Fahrzeugen nicht ausreichend.

Offizieller XENTRY-Zugang, wie ihn nur Mercedes-Benz-Vertragswerkstätten und autorisierte Partner nutzen – bei KFZ Dietrich in Hardegsen.