AdBlue und Kristallisation: Ein weit verbreitetes Problem
AdBlue – die 32,5-prozentige Harnstofflösung für die Abgasnachbehandlung moderner Dieselfahrzeuge – hat eine unangenehme Eigenschaft: Sie neigt zur Kristallisation. Diese Kristalle sind nicht nur optisch störend, sondern können das gesamte SCR-System blockieren. Tank, Leitungen, Pumpe und Dosierventil sind betroffen. Wir sehen dieses Problem in der Werkstatt regelmäßig – besonders nach dem Winter oder bei Fahrzeugen mit geringer Laufleistung.
Wie und warum AdBlue kristallisiert
Frost-Kristallisation
Der bekannteste Mechanismus: AdBlue gefriert bei -11 °C. Die Kristallbildung beginnt an der Tankwand, in den Leitungen und am Dosierventil. Die Heizung des AdBlue-Systems soll dies verhindern – funktioniert sie nicht korrekt, bilden sich Eiskristalle, die das System blockieren.
Beim Auftauen lösen sich die Kristalle in der Regel wieder auf – sofern die gesamte Lösung gleichmäßig erwärmt wird. In Leitungsbögen und am Dosierventil können jedoch Restkristalle zurückbleiben.
Thermische Zersetzung
Am Dosierventil herrschen Abgastemperaturen von 200–600 °C. Nach dem Abstellen des Motors verdunstet der Wasseranteil des verbleibenden AdBlue im Ventilkörper. Zurück bleiben Harnstoffkristalle – weiße, harte Ablagerungen, die das Ventil zusetzen können.
Dieser Prozess wiederholt sich bei jedem Fahrzyklus. Über Tausende von Zyklen wachsen die Kristallablagerungen und verengen den Querschnitt des Dosierventils. Die Folge: unregelmäßige oder reduzierte AdBlue-Dosierung.
Verdunstung im Tank
Bei hohen Außentemperaturen (über 35 °C) kann der Wasseranteil des AdBlue im Tank langsam verdunsten, wenn das System undicht ist oder der Tankdeckel nicht korrekt schließt. Die Konzentration steigt, und ab etwa 40 % Harnstoffgehalt beginnt die Kristallisation auch bei Raumtemperatur.
Biuret-Bildung
Wird AdBlue über längere Zeit hohen Temperaturen ausgesetzt (über 50 °C), zersetzt sich der Harnstoff und bildet Biuret – ein schwer lösliches Nebenprodukt. Biuret-Ablagerungen sind deutlich härter und resistenter als normale Harnstoffkristalle und lassen sich mit Wasser allein nicht lösen.
Betroffene Komponenten
AdBlue-Tank
Kristallablagerungen am Tankboden und an der Fördereinheit behindern die Ansaugung und verfälschen den Füllstandsensor. In schweren Fällen sitzt die gesamte Fördereinheit in einer kristallinen Masse fest.
Druckleitungen
Die beheizten Leitungen vom Tank zum Dosierventil haben einen Innendurchmesser von wenigen Millimetern. Kristallablagerungen verengen den Querschnitt oder blockieren ihn vollständig. Der Drucksensor im System erkennt einen erhöhten Förderdruck oder einen vollständigen Druckabfall.
Dosierventil (Injektor)
Die kritischste Stelle. Der Querschnitt des Dosierventils ist konstruktionsbedingt klein – die Dosierung erfolgt über ein Magnetventil mit Düse. Kristallablagerungen im Ventilsitz oder in der Düse führen zu:
- Reduzierter Dosiermenge
- Asymmetrischem Sprühbild
- Ventil klemmt in offener oder geschlossener Position
- Leckage: AdBlue tropft auch bei geschlossenem Ventil
Rücklaufleitung
Die Rücklaufleitung führt überschüssiges AdBlue zurück in den Tank. Kristallisation in der Rücklaufleitung erhöht den Systemdruck und kann im Extremfall die Förderpumpe überlasten.
Diagnose: Kristallisation erkennen
Symptome
- Unregelmäßiger AdBlue-Verbrauch (zu hoch oder zu niedrig)
- Fehlercodes im SCR-System: Dosierdruck zu hoch/niedrig, SCR-Wirkungsgrad unzureichend
- AdBlue-Geruch aus dem Auspuff (Überdosierung durch verstopftes Rücklaufventil)
- Motorstartsperre trotz vollem AdBlue-Tank
Herstellerdiagnose
Mit dem Herstellerdiagnosetool (XENTRY, ODIS, ISTA) prüfen wir:
- Systemdruck: Soll/Ist-Vergleich des AdBlue-Drucks bei verschiedenen Betriebspunkten
- Dosiermenge: Angeforderte vs. tatsächliche Menge (berechnet aus Druckabfall)
- Pumpenstrom: Erhöhte Stromaufnahme der Förderpumpe deutet auf erhöhten Widerstand hin
- Ventilöffnungszeit: Verlängerte Einspritzzeiten bei gleichem Dosiersoll deuten auf verengte Düse hin
- NOx-Werte vor/nach SCR-Kat: Indirekte Prüfung der Dosierleistung
Reinigung: Das richtige Vorgehen
Dosierventil
Das Dosierventil wird ausgebaut und in einer speziellen Lösung (Zitronensäure oder herstellerempfohlenes Reinigungsmittel) eingeweicht. Ultraschallreinigung kann bei hartnäckigen Ablagerungen helfen. Biuret-Ablagerungen erfordern unter Umständen einen mechanischen Eingriff oder den Tausch des Ventils.
Leitungen
Die Leitungen werden mit warmem, destilliertem Wasser durchgespült. Der Druck muss kontrolliert werden – zu hoher Spüldruck kann die Leitungsheizung beschädigen. Bei schwerer Kristallisation ist ein Leitungstausch die sicherere Option.
Tank
Der AdBlue-Tank wird über die Einfüllöffnung abgesaugt und mit warmem, destilliertem Wasser gespült. Die Fördereinheit wird ausgebaut, gereinigt und auf Funktion geprüft. Kristallablagerungen am Füllstandsensor und Qualitätssensor werden vorsichtig entfernt.
Grundeinstellung nach Reinigung
Nach jeder Reinigung oder Reparatur am AdBlue-System ist eine Grundeinstellung über das Herstellerdiagnosetool erforderlich: Adaptionswerte zurücksetzen, Pumpe kalibrieren, Dosiermenge neu anlernen.
Prävention
- Hochwertiges AdBlue verwenden – ISO 22241 zertifiziert, Markenprodukt
- AdBlue-Heizung funktionstüchtig halten – vor dem Winter prüfen lassen
- Tank nicht monatelang mit minimalem Füllstand fahren – konzentrierte Lösung kristallisiert schneller
- Regelmäßige Fahrten – der thermische Zyklus des Dosierventils lässt sich nicht vermeiden, aber regelmäßiger Betrieb hält das System durchflossen
- Tankdeckel korrekt schließen – Verdunstung verhindern
AdBlue-Systemreinigung bei KFZ Dietrich
Kristallisation im AdBlue-System erfordert eine systematische Reinigung aller betroffenen Komponenten – und eine anschließende Grundeinstellung mit dem Herstellertool. Wir prüfen, reinigen und kalibrieren das gesamte System: Tank, Leitungen, Pumpe, Ventil und Steuergerät.
AdBlue-System verstopft? Schreiben Sie uns per WhatsApp – wir bringen Ihr SCR-System wieder in Funktion.