Nach der Reparatur kommt die Grundeinstellung
Eine Reparatur am AdBlue-System ist erst abgeschlossen, wenn das System entlüftet und kalibriert ist. Dieser Schritt wird in Werkstätten ohne Herstellerdiagnosetool häufig übersprungen – mit der Folge, dass der Fehlercode nach wenigen Kilometern zurückkehrt und der Kunde erneut vorstellig wird. Die Grundeinstellung ist kein optionaler Schritt, sondern ein integraler Bestandteil jeder SCR-Reparatur.
Warum Luft im System ein Problem ist
Das AdBlue-System arbeitet mit einem definierten Betriebsdruck von typischerweise 5–9 bar (herstellerabhängig). Die Förderpumpe saugt die AdBlue-Lösung aus dem Tank, drückt sie durch die Leitungen und das Dosierventil spritzt sie in den Abgasstrang ein. Dieses System funktioniert nur, wenn es vollständig mit Flüssigkeit gefüllt ist.
Luft in der Saugleitung: Die Pumpe arbeitet im Trockenlauf. Sie kann keinen Druck aufbauen und fördert kein AdBlue. Das Steuergerät erkennt den fehlenden Druckaufbau und setzt einen Fehlercode.
Luft in der Druckleitung: Die Pumpe baut zwar Druck auf, aber die Luftblase komprimiert und expandiert. Der Druck schwankt, die Dosierung wird ungenau. Das Steuergerät erkennt die Druckschwankungen als Systemfehler.
Luft am Dosierventil: Statt AdBlue-Lösung spritzt das Ventil ein Luft-Flüssigkeits-Gemisch ein. Die Dosierung ist nicht reproduzierbar, der SCR-Wirkungsgrad sinkt. Der NOx-Sensor nach dem Katalysator meldet zu hohe Werte.
Wann muss entlüftet werden?
Die Entlüftung ist erforderlich nach:
- Tausch der Förderpumpe/Fördereinheit: Die neue Pumpe ist trocken und muss befüllt werden
- Tausch des Dosierventils (Injektor): Die Leitung zum Ventil wurde getrennt
- Tausch von AdBlue-Leitungen: Neue Leitungen sind leer
- Tausch des AdBlue-Tanks: Gesamtes System leer
- System komplett leer gefahren: Nach Motorstartsperre wegen leerem Tank kann Luft im System sein
- Reparatur an Verschraubungen: Jede geöffnete Verbindung lässt Luft ein
Die Entlüftungsroutine im Herstellertool
XENTRY (Mercedes OM651/OM654/OM656)
Die XENTRY-Entlüftungsroutine läuft in definierten Schritten ab:
Schritt 1 – Systemdrucktest: Das System prüft, ob die Pumpe einen Mindestdruck erreicht. Gelingt dies nicht (weil zu viel Luft im System ist), wird zunächst ein Befüllmodus aktiviert.
Schritt 2 – Befüllung: Die Pumpe läuft mit niedriger Drehzahl und füllt das System langsam. XENTRY zeigt den Druckverlauf in Echtzeit. Sobald der Druck stabil steigt, ist die Leitung befüllt.
Schritt 3 – Entlüftung Dosierventil: Das Dosierventil wird kurzzeitig geöffnet, während die Pumpe fördert. Die restliche Luft entweicht durch das Ventil in den Abgasstrang. XENTRY überwacht den Druckabfall und wiederholt den Vorgang, bis die Kurve einem rein hydraulischen System entspricht.
Schritt 4 – Kalibrierung: Die Pumpenförderleistung wird bei definiertem Druck gemessen und als Referenzwert gespeichert. Das Dosierventil wird kalibriert: Öffnungszeit für eine definierte Menge wird angepasst.
Schritt 5 – Funktionstest: Ein kompletter Dosiertest bei stehendem Motor: Die Pumpe baut Druck auf, das Ventil öffnet, der Druckabfall wird gemessen. Stimmt die Dosiercharakteristik, ist die Entlüftung abgeschlossen.
ODIS (VW/Audi EA288/EA897)
ODIS verwendet eine ähnliche, aber in der Benennung andere Routine:
Grundeinstellung AdBlue-System:
- Dosierpumpe entlüften (Langsamfüllung)
- Systemdruck aufbauen und halten
- Dosierventil spülen (mehrfache Kurzöffnung)
- Adaptionswerte zurücksetzen
- Funktionsttest mit Druckvergleich
ISTA (BMW B47/B57)
ISTA bietet eine geführte Service-Funktion:
SCR-System Grundeinstellung:
- Automatischer Entlüftungslauf mit visueller Rückmeldung
- Druckhalteprüfung (Leckagetest)
- Dosierkalibrierung
- Fehlerspeicher löschen und Readiness-Flags setzen
Was passiert ohne Entlüftung?
Wird die Entlüftung übersprungen, treten typischerweise folgende Probleme auf:
Sofort (innerhalb der ersten Kilometer):
- Fehlercode: “AdBlue-Dosierdruck zu niedrig” oder “SCR-Dosierung unplausibel”
- Motorkontrollleuchte leuchtet auf
- AdBlue-Restreichweiten-Countdown beginnt
Nach 100–500 km:
- SCR-Wirkungsgrad-Fehlermeldung
- Leistungsreduzierung bei einigen Herstellern
- Eventuell Ammoniak-Geruch durch sporadische Überdosierung (wenn Luftblasen zu druckspitzen führen)
Langfristig:
- Motorstartsperre droht
- Trockenlauf der Pumpe kann zu Pumpenschäden führen
- NOx-Werte im Abgas überschritten – relevant bei der AU
Weitere Grundeinstellungen nach SCR-Reparaturen
Neben der Entlüftung erfordern bestimmte Reparaturen zusätzliche Grundeinstellungen:
Nach NOx-Sensor-Tausch:
- Alterungsfaktor zurücksetzen
- Sensor-Adaptionswerte löschen
- Plausibilitätstest durchführen
Nach SCR-Katalysator-Tausch:
- Katalysator-Alterungswert zurücksetzen
- Betriebsstundenzähler nullen
- Wirkungsgrad-Adaptionswerte löschen
Nach Steuergeräte-Tausch:
- Codierung des neuen Steuergeräts
- Alle Adaptionswerte der angeschlossenen Sensoren und Aktoren neu anlernen
- Variantencodierung (Fahrzeugspezifisch)
Die Konsequenz: Herstellertool ist Pflicht
Es gibt keine Möglichkeit, das AdBlue-System ohne Herstellerdiagnosetool fachgerecht in Betrieb zu nehmen. Die Entlüftungsroutinen steuern Pumpe und Ventile in einer definierten Sequenz an, die manuell nicht reproduzierbar ist. Die anschließende Kalibrierung speichert Referenzwerte im Steuergerät, die für den korrekten Betrieb unerlässlich sind.
SCR-Reparatur mit Grundeinstellung bei KFZ Dietrich
Jede Reparatur am AdBlue-System schließen wir mit der vollständigen Grundeinstellung ab: Entlüftung, Kalibrierung, Funktionstest und Fehlerspeicher-Reset. Mit XENTRY, ODIS und ISTA stellen wir sicher, dass das System nach der Reparatur einwandfrei arbeitet – nicht nur heute, sondern langfristig.
SCR-Reparatur nötig? Kontaktieren Sie uns per WhatsApp – wir reparieren und kalibrieren in einem Durchgang.