- Bei der Druckverlustprüfung wird der stehende Zylinder im oberen Totpunkt mit Druckluft beaufschlagt, der prozentuale Verlust wird gemessen.
- Der hörbare Ort des entweichenden Drucks lokalisiert den Defekt exakt: Auspuff, Ansaugung, Kühlmittel oder Kurbelgehäuse.
- Sie ergänzt die Kompressionsprüfung: Diese sagt wie viel fehlt, die Druckverlustprüfung sagt warum.
- Werte unter 10 % Verlust gelten als gesund, über 20 % deuten auf einen behandlungsbedürftigen Befund hin.
- Das Verfahren liefert eine belastbare Reparatur-Entscheidung, bevor der Zylinderkopf demontiert wird.
Das Prinzip: Druckluft statt Anlasser
Die Druckverlustprüfung kehrt die Logik der Kompressionsprüfung um. Statt den Motor selbst Druck aufbauen zu lassen, führen wir definierte Druckluft von außen in den Brennraum ein. Der betreffende Zylinder wird auf den oberen Totpunkt im Verdichtungstakt gebracht – ein Punkt, an dem sowohl Einlass- als auch Auslassventil geschlossen sind. In dieser Stellung wird die Kurbelwelle blockiert, damit der Druck den Kolben nicht wegdrücken kann.
Über das Zündkerzen- oder Glühkerzengewinde wird ein Adapter eingeschraubt und mit einem Differenzdruck-Prüfgerät verbunden. Dieses Gerät hat zwei Manometer: Eines zeigt den eingespeisten Eingangsdruck, das zweite den im Zylinder verbleibenden Druck. Die Differenz ergibt den Druckverlust in Prozent. Ein technisch einwandfreier Zylinder hält die Luft nahezu vollständig: Verluste unter 10 Prozent sind unauffällig, Werte zwischen 10 und 20 Prozent gelten als grenzwertig, alles darüber ist ein klarer Befund.
Der Ort des Lecks ist die eigentliche Information
Der diagnostische Mehrwert dieses Verfahrens liegt nicht im Zahlenwert allein, sondern darin, wohin die Luft entweicht. Während der Zylinder unter Druck steht, hören und prüfen wir an vier definierten Stellen:
- Geräusch am Auspuffendrohr: Die Luft entweicht über ein undichtes Auslassventil. Verbrannte Ventilsitze oder verbogene Ventile sind typische Ursachen.
- Geräusch im Ansaug- bzw. Luftfiltergehäuse: Ein Einlassventil schließt nicht sauber. Auch hier sind Ventilsitz und Ventildichtfläche betroffen.
- Blasenbildung im Kühlmittel-Ausgleichsbehälter: Druckluft gelangt in den Kühlkreislauf. Das ist die Signatur einer defekten Zylinderkopfdichtung oder eines Risses im Kopf bzw. Block.
- Luftaustritt am Öleinfüllstutzen oder Ölmessstab: Die Luft passiert die Kolbenringe und gelangt ins Kurbelgehäuse. Hier liegen verschlissene Kolbenringe oder Riefen in der Zylinderlaufbahn vor.
Auf diese Weise wird aus einem diffusen Symptom – etwa Leistungsverlust oder unrunder Lauf – ein präziser, mechanisch nachvollziehbarer Befund. Wir liefern keine Vermutung, sondern eine eindeutige Zuordnung.
Abgrenzung zur Kompressionsprüfung
Beide Verfahren prüfen die Dichtheit des Brennraums, gehen jedoch unterschiedlich vor. Die Kompressionsprüfung ist dynamisch: Der Motor dreht über den Anlasser durch, und das Manometer hält den erreichten Spitzendruck fest. Das Ergebnis ist eine schnelle Übersicht über alle Zylinder mit absoluten Werten und der relativen Abweichung untereinander. Sie ist hervorragend geeignet, um überhaupt festzustellen, ob ein Zylinder abfällt. Die Methodik beschreiben wir ausführlich in unserer Werkstatt-Anleitung zur Kompressionsmessung.
Die Druckverlustprüfung ist dagegen statisch und arbeitet am stehenden Motor. Sie liefert keinen Hinweis auf die Verdichtung im laufenden Betrieb, dafür aber die genaue Leckage-Stelle. In der Praxis kombinieren wir beide Methoden: Die Kompressionsprüfung dient als Screening, die Druckverlustprüfung als gezielte Folge-Untersuchung am auffälligen Zylinder. Wie sich beide Verfahren im Diagnose-Ablauf ergänzen, zeigt unser Beitrag zur Kompressionsverlust-Diagnose sowie die Grundlagen unter Zylinderkompression prüfen.
Aussagekraft und Grenzen
Die Stärke der Druckverlustprüfung ist ihre Eindeutigkeit bei mechanischen Undichtigkeiten. Sie trennt zuverlässig zwischen Ventil-, Dichtungs- und Kolbenring-Problemen und erspart dem Fahrzeughalter den ungewissen Weg über eine vorschnelle Zylinderkopf-Demontage. Gerade beim Werterhalt eines Fahrzeugs ist diese Klarheit wertvoll: Wir entscheiden auf Basis eines Befundes, ob eine Instandsetzung des Ventiltriebs ausreicht oder ob die Kopfdichtung erneuert werden muss.
Grenzen hat das Verfahren bei Befunden, die nur im warmen oder belasteten Zustand auftreten. Eine Dichtung, die erst bei Betriebstemperatur und Lastdruck nachgibt, kann am kalten, stehenden Motor unauffällig bleiben. In solchen Fällen ergänzen wir die mechanische Prüfung um eine Live-Daten-Analyse über XENTRY, ODIS oder ISTA. Auch der Zustand des Schmierfilms beeinflusst das Ergebnis – ein frischer Ölfilm an den Kolbenringen kann einen geringen Verlust kurzzeitig kaschieren.
In der Werkstatt-Praxis ist die Druckverlustprüfung damit ein zentraler Baustein der Motor-Diagnose. Sie verbindet sich nahtlos mit weiteren Untersuchungen wie der Hydrostößel-Beurteilung, wenn unklar ist, ob ein Geräusch aus dem Ventiltrieb oder aus einem undichten Ventil stammt. Jeder Zylinder, jeder Messwert und jeder Leckage-Ort wird protokolliert. Dieses Protokoll ist die Grundlage für eine transparente, nachvollziehbare Reparatur-Empfehlung.
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