- Die Kamera des Spurhalteassistenten (LKA) muss nach jedem Eingriff, der ihre Ausrichtung verändern kann, neu kalibriert werden.
- Die häufigsten Anlässe sind ein Frontscheibentausch, Arbeiten an der Achsgeometrie, der Aus- und Einbau der Kamera sowie eine Unfallreparatur im Frontbereich.
- Es gibt zwei Verfahren: die statische Kalibrierung mit genormter Kalibriertafel und die dynamische Kalibrierung während einer definierten Probefahrt.
- Welches Verfahren gilt, gibt ausschließlich der Hersteller vor. Beide erfordern das herstellerspezifische Diagnosesystem.
- Ohne korrekte Kalibrierung berechnet die Kamera die Spur falsch und kann fehlerhaft eingreifen. Das ist sicherheitsrelevant.
Die Frontkamera des Spurhalteassistenten ist ein präzises Messinstrument. Sie berechnet aus dem Bild der Fahrbahn die exakte Position des Fahrzeugs in der Spur, und dafür muss sie ihren genauen Blickwinkel zur Fahrzeugachse kennen. Schon eine Abweichung von Bruchteilen eines Grades verschiebt am Ende der Fahrbahn die berechnete Position um einen erheblichen Betrag. Genau deshalb verlangt jeder Eingriff, der diesen Blickwinkel verändern kann, eine anschließende Kalibrierung nach Herstellervorgabe.
Wann eine Kalibrierung zwingend ist
Nach dem Frontscheibentausch. Die Kamera sitzt hinter der Windschutzscheibe und wird beim Scheibentausch mit ausgebaut und wieder eingesetzt. Die neue Scheibe hat eine minimal andere Krümmung und Stärke, und die Kamera nimmt eine leicht abweichende Lage ein. Diese Abweichung muss durch eine Kalibrierung ausgeglichen werden. Den vollständigen Zusammenhang beschreiben wir in ADAS-Kalibrierung nach Scheibentausch sowie in Frontscheibe und ADAS-Kalibrierung als Pflicht.
Nach Arbeiten an der Achsgeometrie. Wird die Spur eingestellt oder am Fahrwerk gearbeitet, kann sich der Bezug zwischen der geometrischen Fahrachse und dem Kamerablick verschieben. Die Kamera richtet sich an der Fahrzeugachse aus, nicht an der Lenkradstellung. Deshalb ist nach einer Spureinstellung häufig eine Neukalibrierung erforderlich, wie wir in ADAS-Kalibrierung nach Fahrwerksarbeiten erläutern.
Nach Aus- und Einbau der Kamera. Jeder Eingriff, bei dem die Kameraeinheit demontiert wird, etwa bei Arbeiten am Innenspiegel oder am Dachhimmel, erfordert anschließend eine Kalibrierung. Auch ein Wechsel der Kameraeinheit selbst macht den Schritt zwingend.
Nach einer Unfallreparatur im Frontbereich. Verformungen oder Instandsetzungen an Karosserie, Achsträger oder Scheibe verändern die Sensorlage. Nach einer Reparatur gehört die Kalibrierung daher zum Pflichtumfang, wie in ADAS-Kalibrierung nach Reparatur beschrieben.
Ob im Einzelfall eine Kalibrierung angefordert wird, zeigt das Diagnosesystem eindeutig an. Es liest den Kalibrierstatus der Kamera aus und gibt vor, welches Verfahren erforderlich ist.
Statische und dynamische Kalibrierung
Es gibt zwei grundlegende Verfahren, deren genauen Ablauf wir auch im Beitrag Frontkamera-Kalibrierung – statisch und dynamisch darstellen.
Bei der statischen Kalibrierung steht das Fahrzeug in der Werkstatt exakt ausgerichtet vor einer genormten Kalibriertafel. Diese Tafel trägt ein herstellerspezifisches Muster, das die Kamera als Referenz nutzt, um ihren Blickwinkel zu bestimmen. Voraussetzung ist eine ebene Fläche, eine präzise Ausrichtung des Fahrzeugs zur Tafel und ein korrekter Reifenfülldruck, weil schon die Fahrzeughöhe das Ergebnis beeinflusst. Das Diagnosesystem führt durch den Vorgang und bestätigt am Ende den erfolgreichen Abschluss.
Bei der dynamischen Kalibrierung lernt die Kamera während einer definierten Probefahrt. Das Fahrzeug muss dabei bestimmte Bedingungen erfüllen, etwa eine Mindestgeschwindigkeit, gut erkennbare Fahrbahnmarkierungen und eine festgelegte Fahrtdauer. Die Kamera kalibriert sich anhand der erkannten Markierungen selbst, das Diagnosesystem überwacht und protokolliert den Fortschritt.
Welches Verfahren anzuwenden ist, gibt allein der Hersteller vor. Manche Fahrzeuge verlangen ausschließlich die statische, andere ausschließlich die dynamische Kalibrierung, und wieder andere eine Kombination beider Schritte. Eine pauschale Vorgehensweise gibt es nicht.
Warum Herstellervorgabe und Diagnosesystem zwingend sind
Eine Kalibrierung lässt sich nicht nach Augenmaß durchführen. Die Sollwerte, die zulässigen Toleranzen und der genaue Ablauf sind je Hersteller und Modell unterschiedlich hinterlegt. Nur das herstellerspezifische Diagnosesystem kennt diese Vorgaben, steuert den Vorgang und bestätigt das Ergebnis. Über unseren Zugang zu den Systemen von Mercedes, der VW-Gruppe und BMW arbeiten wir mit denselben Vorgaben, die auch in der Vertragswerkstatt gelten. Die übergeordneten Prinzipien fassen wir in ADAS-Kalibrierung über alle Marken zusammen.
Ein einfaches Auslesegerät kann eine solche Kalibrierung nicht ausführen. Es zeigt allenfalls den Fehlerstatus, steuert aber weder die Tafelreferenz noch die geführte Probefahrt. Wer auf eine fachgerechte Kalibrierung verzichtet, riskiert ein System, das zwar wieder aktiv erscheint, aber auf falscher Grundlage rechnet.
Für Techniker: Warum schon Bruchteile eines Grades entscheidend sind
Die Frontkamera arbeitet als Winkelmessgerät. Sie bestimmt die Spur, indem sie aus dem perspektivischen Bild der Fahrbahnmarkierungen den Verlauf der Spur vor dem Fahrzeug rekonstruiert. Maßgeblich ist dabei der exakte Bezug zwischen der optischen Achse der Kamera und der geometrischen Fahrachse des Fahrzeugs. Ein kleiner Winkelfehler an der Kamera wirkt sich über die Distanz hebelartig aus: Was am Sensor nur ein Bruchteil eines Grades ist, summiert sich über mehrere Dutzend Meter Vorausschau zu einer erheblichen seitlichen Verschiebung der berechneten Spurposition.
Genau deshalb sind die Randbedingungen der Kalibrierung so streng. Der korrekte Reifenfülldruck und die Fahrzeughöhe gehen unmittelbar in den Nickwinkel der Kamera ein – ein zu niedriger Druck an einer Achse kippt das Fahrzeug minimal und verfälscht die Referenz. Bei der statischen Kalibrierung muss die Tafel zudem exakt rechtwinklig und im vorgeschriebenen Abstand zur Fahrachse stehen, nicht zur Lenkradstellung. Aus diesem Grund wird die Kalibrierung sinnvollerweise im Anschluss an eine Achsvermessung durchgeführt, wenn die geometrische Fahrachse sauber definiert ist. Das Diagnosesystem prüft die eingehaltenen Toleranzen und verweigert den Abschluss, wenn die Bedingungen nicht stimmen – ein Schutz, der ein scheinbar funktionierendes, aber falsch rechnendes System verhindert.
Die Folgen einer ausbleibenden Kalibrierung
Bleibt die Kalibrierung aus, sind im Wesentlichen drei Folgen möglich. Im besten Fall deaktiviert sich der Assistent selbst und meldet eine Störung, sodass keine falsche Sicherheit entsteht. Im zweiten Fall arbeitet das System mit einem verschobenen Bezugspunkt: Es erkennt die Spur ungenau, warnt zu früh, zu spät oder gar nicht. Im kritischsten Fall greift die elektrische Lenkung auf falscher Berechnungsgrundlage ein und zieht das Fahrzeug in die falsche Richtung.
Alle drei Szenarien betreffen eine aktive Sicherheitsfunktion. Wie sich ein nicht funktionierender Assistent im Alltag äußert und wie wir die Ursache eingrenzen, lesen Sie im Beitrag Spurhalteassistent ohne Funktion – Diagnose.
Wenn an Ihrem Fahrzeug die Frontscheibe getauscht wurde, das Fahrwerk vermessen wurde oder eine Reparatur im Frontbereich erfolgt ist, gehört die Kalibrierung des Spurhalteassistenten zum Pflichtumfang. Lassen Sie diesen Schritt nicht aus. Wir führen die Kalibrierung nach Herstellervorgabe durch, dokumentieren das Ergebnis und stellen sicher, dass das System auf einer korrekten Grundlage arbeitet.
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