- Kameras und Radare sind Fahrerassistenzsysteme (ADAS) mit einem präzise definierten Blickwinkel. Schon kleinste Lageänderungen verschieben den Erfassungsbereich.
- Eine Kalibrierung ist nach Scheibentausch, Achsvermessung, Fahrwerksarbeiten und Stoßfänger- oder Frontreparaturen zwingend erforderlich.
- Es gibt zwei Verfahren: die statische Kalibrierung mit Justage-Tafel im Stand und die dynamische Kalibrierung während einer definierten Fahrt.
- Maßgeblich sind ausschließlich die Herstellervorgaben – Toleranzen liegen oft im Bereich weniger Zehntel Grad.
- Ohne Kalibrierung arbeiten die Systeme fehlerhaft. Das ist sicherheitsrelevant und über die Diagnose dokumentierbar.
Warum Sensoren überhaupt kalibriert werden müssen
Moderne Fahrzeuge erfassen ihr Umfeld über ein Zusammenspiel aus Frontkamera, Radarsensoren und Ultraschallgebern. Diese Sensoren liefern den Steuergeräten ein Bild der Fahrbahn, der vorausfahrenden Fahrzeuge und der Fahrbahnmarkierungen. Damit dieses Bild der Realität entspricht, muss jedes Steuergerät exakt wissen, in welchem Winkel der Sensor montiert ist und wohin er blickt.
Eine Frontkamera hinter der Windschutzscheibe arbeitet mit einem fest definierten Sichtfeld. Verschiebt sich ihre Einbaulage nur um wenige Zehntel Grad, wandert der Erfassungsbereich auf der Fahrbahn um mehrere Meter. Bei einem Radar im Stoßfänger gilt dasselbe Prinzip. Die Kalibrierung ist der Vorgang, mit dem wir dem System die tatsächliche Sensorlage präzise mitteilen.
Nach welchen Eingriffen eine Kalibrierung erforderlich ist
Eine Kalibrierung wird immer dann notwendig, wenn ein Arbeitsschritt die geometrische Beziehung zwischen Sensor, Fahrzeug und Fahrbahn verändert. In der Praxis sind das vor allem drei Bereiche.
Der Scheibentausch ist der häufigste Anlass. Die Frontkamera sitzt am Halter der Windschutzscheibe. Schon der neue Klebewulst und minimale Maßabweichungen der Ersatzscheibe verändern die Kameralage. Eine Kalibrierung ist hier ohne Ausnahme vorgeschrieben. Mehr dazu in unserem Beitrag zur ADAS-Kalibrierung nach Scheibentausch.
Achsvermessung und Fahrwerksarbeiten verändern die geometrische Fahrachse des Fahrzeugs. Da viele Systeme ihren Erfassungsbereich auf diese Fahrachse beziehen, ist nach einer 3D-Achsvermessung eine Sensorprüfung und in der Regel eine Neukalibrierung erforderlich. Details dazu in unserem Beitrag zur ADAS-Kalibrierung nach Fahrwerksarbeiten.
Reparaturen am Stoßfänger und im Frontbereich betreffen die Radarsensoren. Wird ein Stoßfänger demontiert, lackiert oder ersetzt, kann sich die Radarlage verschieben. Bereits eine zu dicke Lackschicht vor dem Sensor beeinflusst die Messung. Nach solchen Arbeiten ist eine Justage und Kalibrierung des Radars Pflicht.
Statische und dynamische Kalibrierung
Die Hersteller schreiben je nach System und Fahrzeug eines von zwei Verfahren vor – oder eine Kombination aus beiden.
Bei der statischen Kalibrierung steht das Fahrzeug exakt vermessen vor einer Justage-Tafel oder einem Kalibrierungspanel. Der Abstand, die Höhe und die Ausrichtung dieser Tafel zum Fahrzeug folgen präzisen Herstellermaßen. Das Steuergerät erkennt die definierten Muster auf der Tafel und gleicht den Sensor darauf ab. Dieses Verfahren erfordert eine plane, ebene Fläche und ausreichend Raum – Voraussetzungen, die in unserer Werkstatt gegeben sind.
Bei der dynamischen Kalibrierung lernt der Sensor während einer Fahrt unter definierten Bedingungen. Die Software gibt vor, bei welcher Geschwindigkeit, auf welcher Straßenart und über welche Dauer gefahren werden muss, damit das System sich anhand realer Fahrbahnmarkierungen und Objekte abgleicht. Welches Verfahren zum Einsatz kommt, hängt vom Fahrzeug ab. Die Unterschiede erläutern wir in unserem Beitrag zur statischen und dynamischen Frontkamera-Kalibrierung.
Herstellervorgaben sind verbindlich
Es gibt keinen allgemeingültigen Kalibrierungsstandard, der für alle Marken gilt. Jeder Hersteller definiert eigene Sollwerte, Toleranzen und Abläufe. Wir arbeiten ausschließlich mit den Diagnosesystemen und Prozeduren des jeweiligen Herstellers – XENTRY bei Mercedes-Benz, ODIS bei der VW-Gruppe und ISTA bei BMW. Damit liegt uns dieselbe geführte Fehlersuche vor, die auch der Vertragspartner nutzt.
Die geforderten Toleranzen sind eng. Bei vielen Kamerasystemen liegen die zulässigen Abweichungen im Bereich weniger Zehntel Grad. Eine Kalibrierung nach Augenmaß ist daher ausgeschlossen. Maßgeblich sind ausschließlich die dokumentierten Herstellerwerte und der protokollierte Abschluss durch das Diagnosesystem. Die Grundlagen dieses Prozesses fassen wir in unserem Beitrag zu den ADAS-Kalibrierungs-Grundlagen zusammen.
Folgen einer unterlassenen Kalibrierung
Ein nicht kalibrierter Sensor liefert dem Steuergerät ein falsches Bild der Umgebung. Die Folgen betreffen unmittelbar die Sicherheit. Der Notbremsassistent kann ein Hindernis zu spät erkennen oder fälschlich bremsen. Der Spurhalteassistent greift an der falschen Stelle ein. Die adaptive Abstandsregelung hält den Sicherheitsabstand nicht korrekt ein.
Hinzu kommt die rechtliche Seite. Wird ein sicherheitsrelevantes Assistenzsystem nach einem Eingriff nicht fachgerecht kalibriert, ist der ordnungsgemäße Zustand des Fahrzeugs nicht gewährleistet. Bei einem Unfall kann dies versicherungs- und haftungsrechtliche Konsequenzen haben.
Wir dokumentieren jede Kalibrierung mit einem Protokoll aus dem Diagnosesystem. So liegt Ihnen der nachweisbare Beleg vor, dass Ihr Fahrzeug nach dem Eingriff wieder im vorgesehenen Zustand arbeitet. Diese Beweisführung ist ein fester Bestandteil unserer Arbeit – ebenso wie bei der gezielten Diagnose und Kalibrierung des Totwinkelassistenten.
Die Voraussetzungen in der Werkstatt
Eine fachgerechte Kalibrierung ist nicht allein eine Frage der Software. Sie verlangt definierte Rahmenbedingungen, die der Hersteller exakt vorgibt. Dazu zählt eine plane, waagerechte Stellfläche, denn schon eine leichte Bodenneigung verfälscht die Bezugsebene zwischen Fahrzeug und Justage-Tafel. Hinzu kommen ausreichend Raum vor dem Fahrzeug, eine gleichmäßige Ausleuchtung ohne störende Reflexe sowie die korrekte Beladung und der vorgeschriebene Reifenfülldruck, da beides die Fahrzeughöhe und damit den Sensorwinkel beeinflusst.
Vor der eigentlichen Kalibrierung steht außerdem die Prüfung der Grundvoraussetzungen: Reifenzustand, Fahrwerksgeometrie und der Fehlerspeicher müssen in Ordnung sein. Eine Kalibrierung auf einem Fahrzeug mit verstellter Spur oder verschlissenen Fahrwerkslagern führt zu einem scheinbar korrekten, in Wahrheit aber falschen Abgleich. Deshalb gehen einer Sensorkalibrierung in vielen Fällen eine Achsvermessung und die Behebung mechanischer Mängel voraus. Erst auf dieser gesicherten Grundlage liefert die Kalibrierung ein belastbares Ergebnis.
Für Techniker: Bezugsebene und Toleranzfortpflanzung
Jeder Frontsensor wird auf die geometrische Fahrachse bezogen, nicht auf die Karosseriemittellinie. Aus diesem Grund verlangen die Hersteller vor der statischen Kalibrierung das Einmessen der Fahrzeugmitte über definierte Bezugspunkte – die Justage-Tafel wird exakt auf diese Achse ausgerichtet, nicht auf das Fahrzeug nach Augenmaß.
Der entscheidende Effekt ist die Toleranzfortpflanzung: Ein Winkelfehler des Sensors wirkt sich proportional zur Entfernung aus. Eine Abweichung von einem Zehntel Grad verschiebt den Erfassungspunkt in 50 Meter Entfernung bereits um knapp einen Meter quer zur Fahrbahn. Bei einem Notbremsassistenten, der ein vorausfahrendes Fahrzeug einer Nachbarspur zuordnet, entscheidet diese Größenordnung über korrektes Eingreifen oder Fehlauslösung. Genau deshalb sind die zulässigen Toleranzen so eng und die Bezugsmessung so kritisch.
Unsere Empfehlung
Lassen Sie nach jedem Eingriff an Scheibe, Fahrwerk oder Front prüfen, ob eine Kalibrierung erforderlich ist. Wir klären das vorab transparent und führen die Kalibrierung anschließend nach Herstellervorgabe durch. So bleibt der Werterhalt Ihres Fahrzeugs ebenso gewährleistet wie die Funktion der Systeme, die Sie und Ihre Mitfahrer schützen.
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