- Die adaptive Geschwindigkeitsregelung (ACC) der VW-Gruppe regelt den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug über ein Front-Radar.
- Nach Eingriffen am Radar, Stoßfänger, Frontbereich oder Fahrwerk muss das Radar über ODIS neu angelernt werden.
- Die ODIS geführte Fehlersuche führt die Werkstatt Schritt für Schritt durch die vorgeschriebene Prozedur.
- Bei vielen Modellen erfolgt die Justage statisch über eine präzise positionierte Justage-Tafel oder einen Reflektor.
- Die Herstellervorgabe ist zwingend, weil die Toleranzen im Bereich weniger Zehntel Grad liegen.
Was die adaptive Geschwindigkeitsregelung leistet
Die adaptive Geschwindigkeitsregelung, im Konzern als ACC bezeichnet, hält nicht nur eine eingestellte Geschwindigkeit, sondern auch einen gewählten Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug. Fährt das vordere Fahrzeug langsamer, verzögert das eigene Fahrzeug automatisch; gibt die Fahrbahn wieder frei, beschleunigt es zurück auf die Sollgeschwindigkeit. Herzstück dieses Systems ist ein Front-Radar, das Entfernung und Relativgeschwindigkeit der vorausfahrenden Fahrzeuge präzise misst.
Bei Golf, Passat, Tiguan und den entsprechenden Modellen von Audi, Skoda und Seat sitzt dieses Radar im Frontbereich, meist hinter einem Emblem oder einer dafür vorgesehenen Abdeckung im Stoßfänger. Damit die Abstandsregelung sauber arbeitet, muss das Steuergerät die exakte Ausrichtung des Radars kennen. Die allgemeinen Grundlagen der Radar-Abstandsregelung beschreiben wir im Beitrag zur ACC-Abstandsregelung sowie im Beitrag zur ACC-Radar-Kalibrierung.
Wann eine Anlernung nötig ist
Eine Anlernung – also die Neujustage und Kalibrierung des Radars – ist immer dann erforderlich, wenn sich die Lage des Sensors verändert haben kann oder das System dies meldet. In der Praxis sind das vier Anlässe.
Erstens nach Aus- und Einbau des Radars, etwa im Rahmen einer Reparatur oder eines Sensortauschs. Zweitens nach Stoßfänger- und Frontarbeiten, weil der Sensor an oder hinter dem Stoßfänger sitzt und jede Demontage die Lage beeinflusst. Drittens nach einer Achsvermessung oder Fahrwerksarbeiten, da das Radar seinen Erfassungsbereich auf die geometrische Fahrachse bezieht – mehr dazu im Beitrag zur 3D-Achsvermessung. Viertens bei einem hinterlegten Fehlercode, der eine Radarjustage oder einen Verlust der Kalibrierwerte anzeigt.
Die ODIS geführte Fehlersuche
Für die Anlernung nutzen wir ODIS, das Diagnosesystem der VW-Gruppe. ODIS bietet die geführte Fehlersuche, die uns nicht nur den Fehlerspeicher und die Live-Daten zeigt, sondern uns Schritt für Schritt durch die herstellerseitig definierte Prozedur leitet. Das System gibt vor, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, in welcher Reihenfolge die Schritte ablaufen und welche Sollwerte einzuhalten sind.
Wir beginnen mit dem Auslesen des Fehlerspeichers und der Prüfung der Verbauliste, damit die richtige Prozedur für das konkrete Fahrzeug gewählt wird. Anschließend führt uns die geführte Fehlersuche durch die eigentliche Justage. Der Vorteil gegenüber generischer OBD-Technik liegt darin, dass wir mit denselben Abläufen arbeiten, die auch der Vertragspartner nutzt. So stellen wir keine Vermutungen an, sondern folgen einer dokumentierten Vorgabe und liefern am Ende einen belegten Befund.
Die statische Justage-Tafel
Bei vielen Modellen der VW-Gruppe erfolgt die Radarjustage statisch. Das Fahrzeug steht dabei exakt vermessen und ausgerichtet, und vor dem Radar wird eine Justage-Tafel oder ein Reflektor in präzise definiertem Abstand und Winkel positioniert. Die Maße dafür gibt der Hersteller vor und ODIS überwacht den Vorgang.
Voraussetzung ist eine plane, ebene Fläche und eine exakte Ausrichtung des Fahrzeugs zur geometrischen Fahrachse. Diese Bedingungen sind in unserer Werkstatt gegeben. Das Steuergerät erfasst über die Tafel beziehungsweise den Reflektor die tatsächliche Radarlage und gleicht die Justagewerte darauf ab. Erst wenn die Abweichung innerhalb der Herstellertoleranz liegt, schließt ODIS den Vorgang erfolgreich ab. Die Unterschiede zwischen statischen und dynamischen Verfahren erläutern wir grundsätzlich im Beitrag zur ADAS-Sensor-Kalibrierung.
Warum die Herstellervorgabe zwingend ist
Das Front-Radar arbeitet mit einem eng definierten Erfassungswinkel. Bereits eine Abweichung von wenigen Zehntel Grad verschiebt den Messbereich auf der Fahrbahn um mehrere Meter. Eine Justage nach Augenmaß ist deshalb ausgeschlossen – sie würde die geforderte Genauigkeit nicht erreichen.
Hinzu kommt der Sicherheitsaspekt. Ein falsch justiertes ACC-Radar kann den Abstand zum Vordermann falsch einschätzen, zu spät verzögern oder unbegründet bremsen. Bei Fahrzeugen, deren Radar zugleich den Notbremsassistenten speist, betrifft das unmittelbar die aktive Sicherheit – siehe dazu unseren Beitrag zur Notbremsassistent-Diagnose nach ECE R152. Wir schließen jede Anlernung mit einem Protokoll aus ODIS ab, das die eingehaltenen Sollwerte dokumentiert.
Statische und dynamische Justage im Vergleich
Nicht jede Marke und nicht jede Baureihe nutzt dasselbe Verfahren. Bei der statischen Justage steht das Fahrzeug, und das Radar wird über eine exakt positionierte Justage-Tafel oder einen Reflektor auf seine Sollausrichtung abgeglichen. Dieses Verfahren stellt hohe Anforderungen an den Untergrund und die Ausrichtung, liefert dafür aber unter kontrollierten Werkstattbedingungen ein reproduzierbares Ergebnis. Die VW-Gruppe setzt bei ihren Front-Radaren überwiegend auf diesen Weg.
Bei der dynamischen Justage lernt das System seine Ausrichtung während einer definierten Fahrt anhand erkannter Objekte und Strukturen am Fahrbahnrand ein. Dieses Verfahren findet sich eher bei anderen Herstellern und Sensortypen. Für die Werkstatt ist entscheidend, dass ODIS für das konkrete Fahrzeug genau vorgibt, welches Verfahren zulässig ist und welche Voraussetzungen es erfüllen muss. Wir folgen dieser Vorgabe konsequent, statt ein Verfahren auf ein Fahrzeug zu übertragen, für das es nicht freigegeben ist.
Für Techniker: Fahrachse, Schwerpunktlage und Justagebedingungen
Die statische Radarjustage bezieht sich nicht auf die Mittellinie der Karosserie, sondern auf die geometrische Fahrachse des Fahrzeugs. Diese ergibt sich aus der tatsächlichen Spurlage der Hinterachse und kann von der Karosseriemittellinie abweichen. Genau deshalb ist eine vorausgegangene Achsvermessung ein Anlass für die Neujustage des Radars: Verändert sich die Fahrachse, verschiebt sich der Bezugspunkt, auf den das Radar ausgerichtet wird.
Hinzu kommen die Beladungs- und Reifenbedingungen. Der Hersteller schreibt für die Justage einen definierten Fahrzeugzustand vor, etwa hinsichtlich Reifendruck und Beladung, weil sich die Höhenlage und damit der vertikale Erfassungswinkel sonst verändern. ODIS prüft im Rahmen der geführten Fehlersuche die Vorbedingungen ab und bricht ab, wenn sie nicht erfüllt sind. Wir stellen diese Bedingungen vorab her und dokumentieren die abschließend erreichten Justagewerte im Protokoll. So ist der Befund nicht nur erfolgreich, sondern auch nachvollziehbar belegt.
Unsere Empfehlung
Lassen Sie das ACC-Front-Radar nach jedem Eingriff im Front- oder Fahrwerksbereich über ODIS fachgerecht anlernen. Nur so bleibt die Abstandsregelung präzise und Ihr Fahrzeug im vorgesehenen Zustand. Wir führen die Anlernung nach Herstellervorgabe durch, dokumentieren das Ergebnis und erläutern Ihnen jeden Schritt nachvollziehbar.
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