- Die HU kennt vier Mängelklassen nach Anlage VIIIa StVZO (GM, EM, GefM, VU) – nur „verkehrsunsicher“ führt zur sofortigen Stilllegung.
- Wiederkehrende Mängel am gleichen System über mehrere HU-Termine deuten auf strukturelle Vernachlässigung hin.
- Plötzlicher Wechsel von vielen Mängeln zu mängelfrei erfordert kritische Nachfrage: gründliche Instandsetzung oder mildere Prüfung?
- Die HU prüft keine Elektronik, keinen Motorverschleiß, keine DSG-Adaption und keine Kilometerstand-Plausibilität.
- Frische HU ersetzt keine Systemanalyse mit XENTRY, ODIS oder ISTA – beide Prüfungen ergänzen sich.
Der HU-Bericht (Hauptuntersuchungsbericht) ist eines der wenigen objektiven Dokumente, die Ihnen beim Gebrauchtwagenkauf vorliegen. Während der Verkäufer sein Fahrzeug im besten Licht präsentiert, gibt der HU-Bericht eine nüchterne, standardisierte Bewertung des technischen Zustands – zumindest in den Bereichen, die bei der HU geprüft werden.
Für den informierten Käufer ist der HU-Bericht eine wertvolle Informationsquelle. Vorausgesetzt, Sie wissen, wie Sie ihn lesen und einordnen.
Die Mängelkategorien: Von „ohne Mangel“ bis „verkehrsunsicher“
Neben dem Ergebnis „ohne Mangel“ kennt die Hauptuntersuchung seit Mai 2018 vier Mängelklassen, die in der Anlage VIIIa der StVZO definiert sind: geringe, erhebliche und gefährliche Mängel sowie „verkehrsunsicher“.
OM – Ohne Mangel
Das Bauteil oder System ist in einwandfreiem Zustand. Keine Beanstandung.
GM – Geringer Mangel
Ein geringer Mangel beeinträchtigt die Verkehrssicherheit nicht unmittelbar, deutet aber auf Verschleiß oder beginnende Probleme hin. Das Fahrzeug besteht die HU trotz geringer Mängel. Beispiele:
- Leichte Ölundichtigkeit am Motor (Beschlag, kein Tropfen)
- Geringfügige Korrosion an nicht tragenden Teilen
- Leichte Rissbildung an Gummimanschetten
- Geringfügig verminderte Leuchtkraft einer Lampe
- Leichtes Spiel in einem Fahrwerksgelenk
Bedeutung für den Kauf: Geringe Mängel sind bei einem Gebrauchtwagen normal. Mehrere geringe Mängel am gleichen System (z. B. drei geringe Mängel am Fahrwerk) deuten auf Wartungsrückstand hin.
EM – Erheblicher Mangel
Ein erheblicher Mangel beeinträchtigt die Verkehrssicherheit oder den Umweltschutz. Das Fahrzeug besteht die HU nicht und muss innerhalb eines Monats zur Nachprüfung vorgeführt werden. Beispiele:
- Bremsscheiben unter der Mindestdicke
- Traggelenk mit zu viel Spiel
- Abgaswerte außerhalb der Norm
- Riss in der Windschutzscheibe im Sichtfeld
- Ausgeschlagene Spurstangenköpfe
- Korrosion an tragenden Teilen (Schweller, Längsträger)
Bedeutung für den Kauf: Ein Fahrzeug, das beim letzten HU-Termin erhebliche Mängel hatte und danach bestanden hat, wurde repariert. Die entscheidende Frage: Wurde fachgerecht instand gesetzt oder nur so weit, dass die HU bestanden wurde?
GefM – Gefährlicher Mangel und VU – Verkehrsunsicher
Ein gefährlicher Mangel stellt eine Gefahr für die Verkehrssicherheit dar. Eine Plakette gibt es nicht; das Fahrzeug darf nur noch nach Hause oder direkt in die Werkstatt gefahren werden, die Nachprüfung muss innerhalb eines Monats erfolgen. Ist die Gefahr so unmittelbar, dass das Fahrzeug nicht mehr bewegt werden darf, lautet das Ergebnis verkehrsunsicher: Der Prüfer entfernt die Plakette und informiert die Zulassungsbehörde. Beispiele:
- Durchgerosteter Schweller mit Durchbruch
- Bremsanlage ohne ausreichende Wirkung
- Tragender Rahmenteil gebrochen
- Lenkung mit massivem Spiel
Bedeutung für den Kauf: Ein gefährlicher Mangel oder ein Verkehrsunsicher-Eintrag in der Fahrzeughistorie ist ein ernstes Warnsignal. Es zeigt, dass das Fahrzeug zu einem Zeitpunkt in einem Zustand war, der eine unmittelbare Gefahr darstellte. Die Instandsetzung muss besonders sorgfältig geprüft werden.
Wie häufig die Kategorien vorkommen
Die amtliche Statistik zeigt, wie sich die Ergebnisse verteilen. Im Jahr 2025 wurden rund 22,4 Millionen Pkw zur Hauptuntersuchung vorgeführt. Davon waren 14.354.731 ohne festgestellte Mängel, 3.097.229 hatten geringe Mängel, 4.746.533 erhebliche Mängel, 148.997 gefährliche Mängel, und 11.491 Pkw wurden als verkehrsunsicher eingestuft. Etwa jeder dritte geprüfte Pkw wies also Mängel auf. Die häufigsten Mängelarten bei Pkw waren Beleuchtung und elektrische Anlage (23,5 Prozent aller Mängel), Achsen, Räder, Reifen und Aufhängungen (19,7 Prozent) sowie die Bremsanlage (16,6 Prozent).
Quelle: Kraftfahrt-Bundesamt (KBA), Statistik „Fahrzeuguntersuchungen“, Tabelle „Untersuchungen von Personenkraftwagen nach Untersuchungsergebnissen“ und Mängelarten, Berichtsjahr 2025 – kba.de, abgerufen am 6. Oktober 2026.
Den HU-Bericht systematisch lesen
Prüfpunkte und Mängelzuordnung
Der HU-Bericht ist nach Prüfgruppen gegliedert:
| Prüfgruppe | Umfasst |
|---|---|
| 1 – Bremsanlage | Bremsscheiben, Beläge, Leitungen, Schläuche, Wirkung |
| 2 – Lenkanlage | Lenkgetriebe, Spurstangen, Gelenke, Servo |
| 3 – Sichtverhältnisse | Scheiben, Spiegel, Wischer, Beleuchtung |
| 4 – Beleuchtung | Alle Leuchten und Rückstrahler |
| 5 – Achsen/Räder/Reifen | Radlager, Federn, Stoßdämpfer, Reifen |
| 6 – Fahrgestell/Rahmen/Aufbau | Tragstruktur, Karosserie, Schweller, Unterbodenschutz |
| 7 – Sonstige Ausstattung | Sicherheitsgurte, Airbag, Hupe, Auspuff |
| 8 – Umweltbelastung | Abgaswerte, Ölverlust, Geräusch |
Achten Sie besonders auf die Prüfgruppen 1, 2, 5 und 6. Mängel in diesen Bereichen sind kostenintensiv in der Instandsetzung und sicherheitsrelevant.
Muster über mehrere HU-Berichte erkennen
Ein einzelner HU-Bericht ist eine Momentaufnahme. Deutlich aussagekräftiger wird das Bild, wenn Sie mehrere aufeinanderfolgende Berichte vergleichen:
Wiederkehrende Mängel am gleichen System: Wenn bei drei aufeinanderfolgenden HU-Prüfungen jeweils die Bremse beanstandet wird (auch wenn jedes Mal bestanden), deutet das auf ein systemisches Problem hin: entweder minderwertige Ersatzteile, falsche Einstellung oder ein Grunddefekt, der nicht vollständig behoben wird.
Zunehmende Mängelzahl: Wenn die Mängelzahl von HU zu HU steigt, deutet das auf nachlassende Wartungsbereitschaft hin. Der Vorbesitzer investiert weniger in das Fahrzeug – ein Warnsignal für den Gesamtzustand.
Plötzlich mängelfrei nach vielen Mängeln: Wenn ein Fahrzeug über mehrere HU-Termine geringe und erhebliche Mängel hatte und beim letzten Termin plötzlich mängelfrei ist, wurde entweder gründlich instand gesetzt (positiv) oder der Prüfweg verlief anders (neutral bis negativ). Nachfragen lohnt sich.
Was die HU nicht prüft
Die Hauptuntersuchung ist eine Sicherheitsprüfung, keine umfassende Zustandsbewertung. Zahlreiche Bereiche, die für den Gebrauchtwagenkauf entscheidend sind, werden bei der HU nicht erfasst:
- Motorverschleiß: Kompression, Ölverbrauch, Steuerkettenqualität
- Getriebequalität: Schaltverhalten, Kupplungsverschleiß, DSG-Adaptionswerte
- Elektronik: Fehlerspeicher, Software-Stand, Steuergeräte-Kommunikation
- Komfortsysteme: Klimaanlage, elektrische Fensterheber, Sitzverstellung
- Karosserie-Substanz: Versteckte Roststellen, Unfallschäden, Nachlackierungen
- Kilometerstand: Die Plausibilität der Laufleistung wird nicht geprüft
Diese Bereiche erfordern eine separate Werkstattprüfung mit Herstellerdiagnosesystem. Die HU und der Werkstatt-Check ergänzen sich – keiner ersetzt den anderen.
Was bedeutet “frische HU” beim Kauf?
“Frische HU” – also eine kürzlich bestandene Hauptuntersuchung – wird von Verkäufern gerne als Qualitätsmerkmal angeführt. In der Tat bestätigt eine bestandene HU, dass das Fahrzeug zum Prüfzeitpunkt die Mindestanforderungen an die Verkehrssicherheit erfüllt hat. Nicht mehr und nicht weniger.
Eine frische HU ersetzt keinen Werkstatt-Check. Sie sagt nichts über den Motorzustand, die Elektronik, versteckte Unfallschäden oder die tatsächliche Laufleistung. Ein Fahrzeug kann die HU bestehen und gleichzeitig einen verschlissenen Turbolader, eine schwache Batterie und einen manipulierten Kilometerstand aufweisen.
Umgekehrt gilt: Ein Fahrzeug mit nur noch wenigen Monaten HU-Rest ist kein automatisches Risiko. Wenn der Werkstatt-Check zeigt, dass das Fahrzeug in gutem Zustand ist, wird es auch die nächste HU bestehen.
Für Techniker: Der blinde Fleck der HU – was zwischen den Prüfgruppen verborgen bleibt
Was der HU-Adapter tatsächlich ausliest
Die Hauptuntersuchung nach § 29 StVZO sieht seit 2015 eine elektronische Schnittstelle zum Fahrzeug vor – den HU-Adapter. Ausgelesen werden jedoch nur sicherheitsrelevante Systeme wie ABS, ESP und Airbag, und auch dort nur definierte Diagnosetiefen. Die konkret ausgelesenen Parameter:
| System | Was der HU-Adapter liest | Was er nicht liest |
|---|---|---|
| ABS/ESP | Grundfunktion, Fehlercodes | Lernwerte, Stellgliedtests |
| Airbag | Systemstatus, ausgelöste Teile | Crash-Daten-Details |
| Motor | Abgaswerte (nur für AU) | Kompression, IMA-Korrekturen |
| Getriebe | Nicht erfasst | Adaptionswerte, Kupplungsverschleiß |
| DPF | Nicht erfasst | Rußbeladung, Differenzdruck |
Was in einem umfassenden Systemscan zusätzlich sichtbar wird
Beim Auslesen mit XENTRY, ODIS oder ISTA zeigen sich Zustände, die außerhalb des HU-Prüfumfangs liegen, aber die Substanz des Fahrzeugs wesentlich beschreiben:
- Injektor-Mengenkorrekturen (IMA): Werte > ±3 mg/Hub deuten auf Verschleiß. Ein Wert von +6 mg/Hub bei angeblich 80.000 km ist nicht plausibel.
- DSG-Kupplungsverschleiß-Adaption: Werte > 85 % nähern sich der Adapationsgrenze. Folgekosten: Kupplungspaket-Tausch im hohen dreistelligen bis vierstelligen Bereich.
- DPF-Rußbeladung: Beladung > 60 g bedeutet erhöhtes Regenerationsrisiko bei Kurzstrecke. Beladung > 100 g: unmittelbarer Handlungsbedarf.
- Gelöschte Fehlercodes: Im Rahmen der Verkaufsvorbereitung gelöschte Fehler hinterlassen in manchen Steuergeräten einen “Lösch-Zeitstempel” – sichtbar in der Fehlerhistorie.
- Software-Versionsstände: Steuergeräte mit veralteten Software-Ständen können auf offene Rückrufe oder bekannte Defekte hinweisen.
HU/AU-Formulierung für das Gespräch mit dem Prüfer
Die Hauptuntersuchung (HU) erfolgt durch unsere Partner TÜV Nord und Dekra, die Abgasuntersuchung (AU) durch uns über den Bundesinnungsverband des Kraftfahrzeughandwerks (BIV). Wir bieten für Unternehmer auch die DGUV-Prüfung an. Diese Kombination ermöglicht es, HU-Befunde und Werkstatt-Diagnose in einem Termin zusammenzufassen und ein vollständiges Bild des Fahrzeugzustands zu erstellen.
Unser Rat
Bitten Sie den Verkäufer um alle verfügbaren HU-Berichte, nicht nur den aktuellen. Lesen Sie die Berichte systematisch und achten Sie auf Muster. Ergänzen Sie die HU-Bewertung durch einen professionellen Werkstatt-Check mit Herstellerdiagnose.
Sprechen Sie uns an, wenn Sie vor einem Gebrauchtwagenkauf eine vollständige Fahrzeugbewertung wünschen. Wir bewerten den HU-Bericht im Kontext einer umfassenden Systemanalyse und geben Ihnen eine fundierte Kaufempfehlung – telefonisch unter 05505 5236 oder über die Warteliste.
Weiterführende Informationen: